Montag, 26. Oktober 2020

Steht Biden vor ähnlichem Abschwung wie Clinton 2016? Trumps persönliche Auftritte vs Bidens TV-Werbung

Vor vier Jahren war es das vorletzte Wochenende vor der Wahl als FBI-Direktor James Comey mitteilte, dass die Ermittlungen gegen Hillary Clinton wegen der sog. E-Mail-Affäre wieder aufgenommen würden. Es dauerte gut eine Woche bis die Entlastung Clintons folgte und das FBI die Entscheidung aus dem Sommer 2016 bestätigte und keine Anklage erhob. Sucht man aber nach einem Moment, der den von vielen Beobachtern nicht ernst genommenen Abschwung in den Umfragen Clintons in den letzten 10 Tagen vor der Wahl 2016 einleitete, bleibt dieses eine Wochenende in Erinnerung. Kann so etwas in diesem Jahr erneut passieren?


Die Republikaner und Donald Trump schöpfen nach der letzten TV-Debatte noch einmal Hoffnung. Sie begründet sich auf der Aussage Bidens, er wolle keine weiteren staatlichen Subventionen mehr in die US-Amerikanische Öl-Industrie geben und künftig auf erneuerbare Energien setzen. Der Präsident nutzte diese klare Aussage seines Herausforderers, um bei Wählerinnen und Wählern in Texas und Pennsylvania zu punkten. Bundesstaaten, in denen es bei dieser Frage um Geld und viele Arbeitsplätze geht.

Ob sich Trump hier zurecht Hoffnungen macht, ist zumindest fraglich. Denn wer eine positive Haltung zur Öl-Industrie als primäres Entscheidungskriterium für die Wahlentscheidung sieht, dürfte ohnehin davon überzeugt sein, dass man bei Donald Trump und den Republikanern auf der sicheren Seite ist. Dazu hätte es die Aussage Bidens nicht gebraucht. Einen besonderen Zugewinn an Stimmen dürfte hier nicht zu erwarten sein. Einen Motivationsschub träger Trump-Unterstützer ist allerdings schon möglich. Das gilt aber auch für jene, die möglicherweise schon länger auf eine klarere Haltung Bidens gegen fossile Brennstoffe gewartet haben. Einen Wendepunkt in diesem Wahlkampf sehe ich hier aber nicht, zumindest nicht so deutlich, wie es 2016 der Fall war.


Zudem ist die Basis, auf die Joe Biden aufbauen kann eine solidere, als sie Hillary Clinton hatte. Die Demokratin war nicht wesentlich beliebter als Donald Trump. Sie polarisierte weit mehr als Joe Biden. Auch aus diesem Grund versucht Donald Trump immer wieder, Biden als linke Bedrohung darzustellen, um eine ähnliche Stimmungslage gegen den Demokraten zu erzeugen. Hillary Clinton wurde in den Wochen vor der Wahl 2016 im Durchschnitt nur von 42% der Bevölkerung positiv gesehen, während 54% sie ablehnten (-12). Joe Biden wird derzeit von 50% befürwortet, während 45% ihn ablehnen (+5). Auch wenn sich Donald Trumps Werte in dieser Frage im Vergleich zu 2016 deutlich verbessert haben (von -21 auf -12), ist anzunehmen, dass ein Kandidat, der grundsätzlich eher positiv gesehen wird, weniger anfällig für die Angriffe seines Gegners ist.


Auch ein nicht unwesentlicher Punkt ist, dass bis heute mehr Wählerinnen und Wähler am Early Voting teilgenommen haben, als es insgesamt 2016 der Fall war. Knapp 60 Mio US-Amerikaner haben ihre Stimme bereits abgegeben. Auf sie haben sämtliche Entwicklungen der verbleibenden 9 Tage bis zur Wahl keine Auswirkungen mehr. Ca. 136,6 Mio hatten 2016 gewählt. Gemessen an der Gesamtwahlbeteiligung aus 2016 haben also bereits rund 44%  ihre Stimme abgegeben.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Biden einen ähnlichen Abschwung in den Umfragen erleidet, wie Clinton 2016, schätze ich als eher gering ein. Nichtsdestotrotz sind in vielen Bundesstaaten die Rennen offen, auch wenn die Umfragen Biden zwischen 1% bis 4% vorne sehen, also innerhalb der durchschnittlichen Fehlertoleranz von Umfragen.


Trump hat mehr persönliche Wahlkampfauftritte - Biden mehr TV-Werbung

Donald Trump und Joe Biden haben am Wochenende viele wichtige Bundesstaaten bereist. Der US-Präsident startete am Freitag in Florida, wo er bei zwei Wahlkampfveranstaltungen in The Villages und Pensacola teilnahm. Beides sind Regionen, in denen Trump 2016 deutlich vor Clinton lag.

Am Samstag trat er dann in North Carolina, Ohio und Wisconsin auf. Am Sonntag reiste er nach New Hampshire und nach einem 90 Minuten Auftritt überraschend weiter nach Maine. Im äußersten Nordosten des Landes ging es in Levant in der Nähe der Stadt Bangor wohl nicht nur um die eine Wahlmännerstimme im Congressional District 2, sondern auch darum, Unterstützung bei der Wahl zum US-Senat zu geben. In Maine kämpft die Republikanerin Susan Collins gegen die Demokratin Sara Gideon um ihre Wiederwahl. Maine gilt als einer der wichtigsten Bundesstaaten, in denen die Demokraten von den Republikanern einen Sitz im eng umkämpften Rennen um die Mehrheit im US-Senat erobern wollen.

Joe Biden dagegen ist weit weniger unterwegs als der US-Präsident. Der Demokrat hatte am Samstag zwei Auftritte in Pennsylvania. Hier reiste er zusammen mit seiner Frau Jill nach Bucks County und Luzerne County. In letzterem hatte Trump 2016 stark abgeschnitten, bei den Kongresswahlen 2018 waren die Demokraten wieder vorne.

Am Dienstag wird Joe Biden nach Georgia reisen. Zwei Auftritte in Warm Springs und Atlanta sind geplant. Georgia ist aktuell einer der Bundesstaaten, mit dem geringsten Abstand in den Umfragen. Allerdings ist anzumerken, dass Georgia kein klassischer Swing State ist, was sich ggf. auch auf die Qualität der Umfragen auswirken kann, da es hier einfach weniger Erfahrung mit Meinungserhebungen bei Präsidentschaftswahlen gibt.

Mike Pence war am Sonntag in North Carolina unterwegs, während Kamala Harris in Michigan um Stimmen warb. Die Demokratin wird zudem am kommenden Freitag in Texas erwartet.


Während Donald Trump deutlich mehr die einzelnen Bundesstaaten besucht, sticht Joe Biden ihn beim Thema TV-Werbung aus. In den vergangenen zwei Monaten hat Trump laut CNN/CMAG in Florida, North Carolina und Pennsylvania rund 77 Mio US-Dollar in TV-Spots investiert. Im gleichem Zeitraum hat Biden in diesen drei Bundesstaaten mit rund 138 Mio US-Dollar fast doppelt so viel Geld ausgegeben.


Lohnt sich für Biden der Kampf um Texas?

Das Biden-Wahlkampfteam konzentriert sich auf die sechs Bundesstaaten Pennsylvania, Michigan, Wisconsin, Florida, Arizona und North Carolina. Man will den sicheren Weg gehen, auch wenn der Demokrat in weiteren Bundesstaaten nicht chancenlos ist. So werden auch Stimmen laut, nach denen Biden mehr Geld in Texas und Georgia investieren solle. Beto O'Rourke wünschte sich zudem, dass Biden auch persönlich in Texas auftreten würden. Laut jüngsten Umfragen wird hier mehr oder weniger überraschend ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet. So verlockend die 38 Wahlmännerstimmen aus Texas auch sind, die größeren Chancen dürfte Biden wohl in Georgia haben.

Mitte Oktober verfügte Bidens Wahlkampfteam nach eigenen Angaben noch um rund 162 Mio US-Dollar, während Trump noch 43 Mio US-Dollar hatte. Geld genug hätte Biden für ein Wahlkampffinale in Texas. Glückt ihm ein Coup im Lone Star State und landet er vor Trump, hätte der Präsident keine Chance mehr auf eine zweite Amtszeit. Ich vermute aber, dass Biden nicht mehr nennenswert in Texas investieren wird. Andere Wege zu den 270 Wahlmännerstimmen erscheinen vielversprechender zu sein.

Freitag, 23. Oktober 2020

TV-Debatte: Trump verbessert sich - Biden unter Druck erneut mit gutem Auftritt

Showdown in Nashville, Tennessee. Nach einer wilden ersten TV-Debatte, dem abgesagten zweiten TV-Duell, kam es in der vergangenen Nacht zum letzten planmäßigen Highlight dieses Wahlkampfs. Donald Trump und Joe Biden hatten nochmal 90 Minuten die Gelegenheit, direkt gegeneinander anzutreten und um die Zustimmung der Wählerinnen und Wähler zu werben. Moderatorin Kristen Welker von NBC hatte im Vorfeld die Themenfelder des Abends festgelegt. Es ging unter anderem um die Bewältigung der Coronakrise, den manipulativen Einfluss des Auslands auf die Wahlen in den USA, die Pläne zur Gesundheitspolitik, den Rassismus in den USA und den Klimawandel. Die Diskussion verlief wesentlich ruhiger mit deutlich weniger Zwischenrufen und Unterbrechungen.

Die gesamte Debatte im Video



Trump profitiert von eigener Disziplin und setzt Biden mehrfach unter Druck

US-Präsident Trump hat auf die Ratschläge seiner Berater gehört und sich in der Debatte deutlich disziplinierter gezeigt, als es noch vor drei Wochen der Fall war. Der Republikaner konzentrierte sich auf seine Attacken gegen Joe Biden und setzte den Demokraten an diesem Abend mehrfach unter Druck. Stellte Biden seine Pläne für die Zukunft vor, fragte Trump immer wieder nach, weshalb Biden dies nicht in seiner 47-jährigen politischen Laufbahn inklusive seiner achtjährigen Amtszeit als Vizepräsident umgesetzt habe. Beim Thema "Crime Bill" sah sich Biden gezwungen, Fehler in der Vergangenheit einzugestehen.

Trump ging auch gezielt auf Bidens Rhetorik ein. Der Demokrat zeichnete zweimal das Bild amerikanischer Familien, die am Küchentisch sitzen und in einem Beispiel jemanden an dem Tisch vermissen, weil sie oder er zu den Opfern des Coronavirus zählen und eine andere Familie, die sich Gedanken darüber macht, wie sie mit den Kosten für Lebensunterhalt, Gesundheit und Bildung über die Runden kommt. Trump warf Biden vor, dass dies nur klassisches Politikergerede sei. Der Präsident sei kein typischer Politischer und genau deswegen auch gewählt worden, so Trump.

Erwartungsgemäß wiederholte Trump auch die Vorwürfe gegen Biden im Zusammenhang mit der Rolle seines Sohnes Hunter Biden in der Ukraine. Trump warf Biden vor, Gelder vom Ausland angenommen zu haben. Der Demokrat wies kategorisch alle Anschuldigungen als substanzlos zurück. Er habe keinen einzigen Penny angenommen. Der frühere Vizepräsident sagte zudem, dass es nicht um die Familien Trump und Biden gehe, sondern um Ihre Familien und richtete sich dabei direkt an die Zuschauer.

Biden zeigt Trumps Schwachpunkte deutlich auf

Joe Biden hat an diesem Abend erneut Trumps Rolle als Krisenmanager in der Coronakrise hervorgehoben und den Präsidenten nicht aus der Verantwortung entlassen. Trump hielt an seiner bisherigen Strategie fest und präsentierte sich abermals als erfolgreichen Kämpfer gegen Covid-19. Wer bislang an Trumps Fähigkeiten in diesem Zusammenhang zweifelte, erhielt keinen neuen Impuls die eigene Position zu überdenken.

Joe Biden konnte warf Trump zudem vor, beim Thema Gesundheitspolitik keinen Plan zu haben. Die versprochene Reform des Präsidenten sei in seiner ersten Amtszeit ausgeblieben, obwohl dieser zweitweise die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses hatte. Biden konterte auch Trumps Vorhalte, der Demokrat wolle die Privatversicherung abzuschaffen. Biden fragte den Präsidenten, ob er ihn mit jemanden anderen verwechseln würde und spielte dabei auf Bernie Sanders an. Biden stellte klar, er habe die Vorwahlen gewonnen, auch weil er in dieser Frage ein anderes Konzept als Sanders habe.

Darüber hinaus versuchte Biden immer wieder parteiübergreifende Gedanken zu formulieren. Er kritisierte den Präsidenten dafür, alle Probleme des Landes, demokratisch geführten Bundesstaaten oder Städten anzulasten. Es gehe nicht um Demokraten und Republikaner, die Coronakrise beispielsweise sei nur gemeinsam als Amerikaner zu bewältigen.

Wer ist Gewinner des Duells?

Donald Trump hat sich im Vergleich zur ersten Debatte deutlich verbessert. Gemessen an den Erwartungen, hat Trump positiv überrascht. Es ist schwer zu sagen, inwieweit sich die zahlreichen und offensichtlichen Unwahrheiten in Trumps Vorhalten und Behauptungen auf die Wahrnehmung seiner verbesserten Performance auswirken. Trump verpasste es aber erneut, ein klare Strategie im Kampf um das Coronavirus zu präsentieren. Auch ist zweifelhaft, ob ihm pauschale Aussagen wie: "Ich bin die am wenigsten rassistische Person in diesem Raum" tatsächlich einen Schub nach vorne verschaffen werden. Ich hatte eher den Eindruck, dass solche unnötigen Übertreibungen von den sachlichen Punkten die er an diesem Abend gegen Biden setzen konnte, ablenken.

Joe Biden ist es erneut gelungen, einen klaren Kontrast zu Donald Trump darzustellen. Er versuchte den Fokus auf einen Vergleich seiner Persönlichkeit mit der des Präsidenten zu lenken. Der Demokrat machte keine grundlegenden Fehler, wenngleich einzelne Schwachpunkte nicht verborgen geblieben sind. Biden stand inhaltlich häufiger unter Druck als noch in der ersten Debatte, dennoch konnte er bei den vordringlichsten Problemen sein Konzept umsetzen. Dass er im Vorfeld der Debatte die Diskussionen um die Supreme Court Erweiterung mit dem Vorschlag abräumte, eine parteiübergreifende Kommission zur Prüfung einer Reform einzusetzen, ging für den Demokraten auf. Die schwierige Frage, der er zuletzt wiederholt auswich, blieb an diesem Abend aus.

Zusammengefasst: Trump hat sich verbessert und bleibt im Rennen. Ob es aber reichen wird, um den Stimmungsumschwung einzuleiten, ist aufgrund eines ebenfalls guten Auftritts Bidens fraglich.

Noch 11 Tage bis zur Wahl

Nun bleiben beiden Kandidaten noch 11 Tage, in denen sie nochmal alles geben müssen. Sie werden die Battleground States bereisen, wobei der Fokus auf Pennsylvania, Michigan, Wisconsin, Florida, North Carolina und Arizona liegen wird. Hunderte Millionen US-Dollar werden nochmal für Wahlkampfwerbung aller Art ausgegeben, um möglichst viele Wählerinnen und Wähler zur Stimmabgabe zu bewegen. Bis heute haben knapp 49 Mio US-Amerikaner von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht. 34,5 Mio per Briefwahl und 14,5 Mio persönlich im Rahmen des Early Votings.

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Letztes TV-Duell zwischen Trump und Biden

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag findet das letzte TV-Duell zwischen Donald Trump und Joe Biden statt. Zwischen 03:00 Uhr und 04:30 Uhr MEZ treffen der US-Präsident und sein Herausforderer in der Belmont University in Nashville, Tennessee, zum zweiten und letzten Mal in diesem Format direkt aufeinander. Moderiert wird die Debatte von Kristen Welker, NBC News.

3rd Presidential Debate 2020 Logo.svg
 By Belmont University - Public Domain

In 90 Minuten werden 6 Themenblöcke zu je 15 Minuten untergebracht. Die Schwerpunkte werden auf den Themen Corona, Klimawandel, Innere Sicherheit, Rassismus, Familienpolitik und Führung des Landes liegen.

Trumps Wahlkampfteam kritisierte sowohl die Auswahl der Moderatorin als auch der Themen. Kristen Welker sei voreingenommen und thematisch würde zu wenig über die Außenpolitik gesprochen werden. Die Commission on Presidential Debates wies beide Vorwürfe zurück und hob hervor, dass Welker eine absolut integre Persönlichkeit sei.

Mikrofone werden zeitweise stumm geschaltet

Die Veranstalter verkündeten zudem, dass nach dem chaotischen Ablauf der ersten Debatte technische Änderungen vorgenommen werden. Um beiden Kandidaten die Möglichkeit zu geben, zu den einzelnen Themen zumindest ihre Zwei-Minuten-Eingangsstatements störungsfrei halten zu können, wird in dieser Zeit das Mikrofon des Konkurrenten abgeschaltet. Sobald die Debatte dann in die offene Diskussion geht, werden zeitgleich beide Mikrofone freigegeben.

Kann Trump auch anders?

Beide Kandidaten sind noch einmal aufgefordert, ihre eigenen Stärken hervorzuheben und die Schwächen des Gegners sichtbar zu machen. Für Donald Trump wird es darum gehen, den noch unentschiedenen Wählerinnen und Wählern ein Angebot zu machen, was sie noch nicht von ihm kennen. Der US-Präsident hat bewiesen, dass er mit seinen Auftritten seine eigene treue Anhängerschaft immer wieder aufs Neue begeistern kann. Um diese Anhängerschaft wird es aber kaum noch gehen. Trump muss nun auch zeigen, dass er Willens und in der Lage ist, zwischen einer auf ihn zugeschnittenen Wahlkampfveranstaltung vor hunderten Fans und einer neutralen bis kritischen Umgebung zu unterscheiden. Dabei kommt es weniger auf seine inhaltlichen Aussagen an, vielmehr wird von ihm erwartet, dass er auch einen präsidialen Ton anschlagen kann. Eine neuerliche Auseinandersetzung mit der Moderatorin wäre hier aus meiner Sicht nicht ratsam.

Trump wird in Richtung Biden insbesondere zwei Themen platzieren. Einerseits wird er den Demokraten mit dessen unklarer Haltung zur Vergrößerung des Supreme Courts konfrontieren. Anderseits könnte Trump aber auch nochmal versuchen, die nicht verifizierten E-Mails zur Rolle Hunter Bidens in der Ukraine und den angeblichen Verbindungen zu Joe Biden zum Thema der Debatte zu machen.

Biden sollte in Supreme Court Frage Position beziehen

Joe Biden sollte auf diese Themen vorbereitet sein. Ein erneutes Ausweichen bei der Supreme Court Frage könnte ihm schaden. Offenheit und Vertrauen sind Punkte, bei denen sich der Demokrat gerne von Trump abhebt. Erfährt dieses Bild eine Erschütterung könnte es Biden im Wahlkampffinale bei den unentschlossenen Wählerinnen und Wählern der Swing States wertvolle Stimmen kosten.

Dem Präsidenten wäre zu raten, nicht auf jede Kritik und Attacke direkt zu reagieren. Auf diese Weise kommt er kaum aus der Defensive heraus. Auch der direkte Gegenangriff auf Biden sollte nicht zur Standardantwort werden. Stattdessen wären eigene in die Zukunft gerichtete und konkrete Angebote, die aufzeigen, was die Menschen von einer zweiten Amtszeit Trumps erwarten können, das Mittel der Wahl.

Es wird bei dem TV-Duell auch darum gehen, nicht nur die klassischen Erwartungen zu erfüllen, sondern auch überraschen zu können, die Schlagzeilen des Abends im positiven Sinne zu gewinnen. Für jemanden der scheinbar aufholen muss, ist dies umso wichtiger. Laut Umfragen wäre dies der Präsident. Aber auch Joe Biden darf nicht den Fehler machen und sich knapp zwei Wochen vor der Wahl ausruhen. Ein reines Verwalten der Debatte könnte zu wenig sein. Biden muss die richtige Balance finden, einerseits unaufgeregt ohne Fehler durch den Abend zu kommen und andererseits doch zwei bis drei Punkte zu setzen, die den Zuschauern in Erinnerung bleiben. Gerade in einem Wahlkampf, in denen zumindest Biden selbst nicht an Massenevents teilnimmt, müssen solche TV-Duelle vor einem landesweiten Publikum ein Erfolg sein.

TV-Debatte wieder live im deutschen Fernsehen

Das TV-Duell ist wieder auf allen großen US-Sendern und in zahlreichen Livestreams zu sehen. Im deutschen Fernsehen ist die Debatte wieder bei Phoenix zu verfolgen. Auch Das Erste überträgt live, jeweils mit Übersetzung. Beide Sendungen beginnen gegen 02:45 Uhr.

Mittwoch, 21. Oktober 2020

Trump holt in Umfragen für Florida und Pennsylvania auf - 7 offene Must-Win-States für den Präsidenten

Zwei Wochen vor der Wahl haben bereits mindestens 35,7 Mio US-Amerikaner ihre Stimmen abgegeben, entweder per Briefwahl oder persönlich. Der US-Supreme Court hat heute beschlossen, dass im Bundesstaat Pennsylvania auch Briefe gezählt werden dürfen, die bis zu drei Tage nach der Wahl bei den verantwortlichen Stellen eingehen. Sollte es also ein knappes Rennen geben, könnte es zu einer langen Geduldsprobe kommen.

Pennsylvania ist neben Florida einer der beiden wichtigsten Bundesstaaten, in denen Donald Trump in der vergangenen Woche in den Umfragen aufholen konnte. Alle aktuellen Umfragen in den wichtigen Swing States. Da Pennsylvania aktuell wieder als offen eingestuft werden muss, kann sich Joe Biden auch nicht mehr allein auf die Bundesstaaten verlassen, in denen er durchschnittlich mit mindestes 5% Vorsprung in den Umfragen führt. Er muss mindestens einen der großen (11 oder mehr Wahlmännerstimmen) "offenen" Bundesstaaten dazu gewinnen.


Click the map to create your own at 270toWin.com

Weiterhin schwieriger wird es aber für Donald Trump. Er muss derzeit alle großen, als offen eingestuften Bundesstaaten gewinnen. Das sind konkret Texas, Florida, Pennsylvania, Ohio, Georgia, North Carolina und Arizona. Verliert der Präsident einen dieser Bundesstaaten an Biden und kann gleichzeitig nicht irgendwo anders überraschen (Michigan, Minnesota, Wisconsin, Nevada etc...) wird Trump die Präsidentschaftswahl nicht gewinnen können. Aber: Der Präsident hat eben jene Bundesstaaten, also Texas, Florida, Pennsylvania, Ohio, Georgia, North Carolina und Arizona 2016 allesamt gegen Clinton gewonnen. Dazu auch noch Michigan und Wisconsin.

Auch wenn die Ausgangslage für Trump schwierig ist und Bidens Anhängerschaft sehr zuversichtlich ist, fürchten einige Demokraten ein Deja-vu. Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Demokraten diesen Wahlkampf einfach nur noch beenden wollen und den Vorsprung in den Umfragen in das Wahlergebnis "retten" wollen. Zu fragil scheint die Situation mit einem Präsidenten, der unermüdlich und unbeirrt seinen Weg im Wahlkampf weitergeht.

Das letzte TV-Duell in der Nacht von Donnerstag auf Freitag könnte hierbei nochmal die letzte Chance für Trump sein, nennenswert vor einem landesweiten rund 100-Millionen-Publikum gegen Biden zu punkten. Eine Vorschau auf die Debatte folgt hier in Kürze.

Dienstag, 20. Oktober 2020

Historische Ergebnisse bei US-Präsidentschaftswahlen

Über 30 Mio Menschen haben in den USA bereits ihre Stimme beim Early Voting abgegeben, die meisten davon in Texas. Seit heute darf auch in Florida, einem der wichtigsten Swing States abgestimmt werden. In dieser Woche findet das letzte TV-Duell zwischen Donald Trump und Joe Biden statt. In den Umfragen führt Biden in vielen wichtigen Battleground States, sein Vorsprung ist aber nicht uneinholbar groß.
Am Abend folgt hier eine neue Auswertung der Umfragen und die Darstellung, welche Bundesstaaten beide Kandidaten gewinnen müssen. Am Mittwoch folgt die Vorschau auf das letzte TV-Duell.


Historische Ergebnisse


Bevor der Wahlkampf aber nun auf die Zielgeraden einbiegt, ein Blick auf zurückliegende Ergebnisse der US-Präsidentschaftswahlen seit dem 2. Weltkrieg. (Republikaner in rot, Demokraten in blau).
Zunächst einige Fakten bezogen auf den Zeitraum 1944-2016.


Die politische Landkarte der USA, wie sie klassischerweise heute bekannt ist, also mit vielen der heute bekannten Swing States, mit Siegen der Demokraten an der Pazifikküste, im Nordosten und in Teilen des Mittleren Westens sowie Siegen der Republikaner in den Südstaaten und im Heartland, hat sich seit ca. 1992 entwickelt. Anfangs hatte Clinton teilweise noch Siege für die Demokraten in den Südstaaten (Arkansas und Louisiana) oder etwa auch in Missouri, Tennessee oder Kentucky geholt. Donald Trump schaffte es dagegen 2016 demokratische Hochburgen wie Pennsylvania, Michigan und Wisconsin zu erobern.

In den 60er und 70er Jahren konnte Texas noch von den Demokraten gewonnen werden, während Kalifornien nach dem 2.Weltkrieg bis 1992 fast immer an die Republikaner ging.
Der District of Columbia hat seit 1964 immer die Demokraten gewählt. Idaho, Utah, Wyoming, North Dakota, South Dakota, Kansas, Oklahoma, Alaska und Teile Nebraskas haben seit 1968 immer die Republikaner gewählt.

37 Lyndon Johnson 3x4.jpg
Lyndon B.Johnson
by Arnold Newman, Public Domain
Official Portrait of President Reagan 1981.jpg
Ronald Reagan,
Gemeinfrei
Vor 1992 gab es häufig sehr deutliche Ergebnisse. Ronald Reagan 1980 und 1984, Richard Nixon 1972 und Lyndon B. Johnson 1964 konnten zwischen 486 und 525 Wahlmännerstimmen gewinnen.
Das beste prozentuale Ergebnis erzielte Lyndon B. Johnson 1964.



Richard Nixon presidential portrait.jpg
Richard Nixon,
 by Department of Defense. Public Domain

John F. Kennedy, White House color photo portrait.jpg
John F. Kennedy
 by Cecil Stoughton, Gemeinfrei
Den knappsten Sieg in Gesamtstimmen holte John F. Kennedy 1960 gegen Richard Nixon, den kleinsten Vorsprung an Wahlmännerstimmen erzielte George W. Bush im Jahr 2000 gegen Al Gore.




Niemand hat mehr Gesamtstimmen im Popular Vote gewonnen als Barack Obama 2008.

Official portrait of Barack Obama.jpg
Barack Obama,
 by Pete Souza, 
CC BY 3.0


1968 gewann mit George Wallace zuletzt ein Kandidat Wahlmännerstimmen (nach Wahlergebnis), der nicht für die Republikaner oder Demokraten antrat.
Zweimal, 2000 Al Gore und 2016 Hillary Clinton, konnte trotz mehr gewonnener Gesamtstimmen nicht das entscheidende Electoral Vote gewonnen werden.


Wahljahr

Kandidaten

Popular

Vote

in Mio

Popular

Vote

Prozent

Electoral

Vote


2016

Donald Trump

Hillary Clinton

Gary Johnson

Jill Stein


62,98

65,85

4,49

1,46


46,1

48,2

3,3

1,1


304

227

0

0

2012

Barack Obama

Mitt Romney

Gary Johnson


65,92

60.93

1,28


51,1

47,2

1,0


332

206

0

2008

Barack Obama

John McCain


69,50

59,95


52,9

45,7


365

173

2004

George W. Bush

John Kerry


62,04

59,03


50,7

48,3


286

251

2000

George W. Bush

Al Gore

Ralph Nader


50,46

51,00

2,88


47,9

48,4

2,7


271

266

0

1996

Bill Clinton

Bob Dole

Ross Perot


47,40

39,20

8,09


49,2

40,7

8,4


379

159

0

1992

Bill Clinton

George H.W. Bush

Ross Perot


44,91

39,10

19,74


43,0

37,4

18,9


370

168

0

1988

George H. W. Bush

Michael Dukakis


48,89

41,81


53,4

45,7


426

111

1984

Ronald Reagan

Walter Mondale


54,46

37,58


58,8

40,6


525

13

1980

Ronald Reagan

Jimmy Carter

John Anderson


43,90

35,48

5,72


50,8

41,0

6,6


489

49

0

1976

Jimmy Carter

Gerald Ford


40,83

39,15


50,1

48,0


297

240

1972

Richard Nixon

George McGovern

John Schmitz


47,17

29,17

1,10


60,7

37,5

1,4


520

17

0

1968

Richard Nixon

Hubert Humphrey

George Wallace


31,78

31,27

9,90


43,4

42,7

13,5


301

191

46

1964

Lyndon B. Johnson

Barry Goldwater


43,13

27,18


61,1

38,5


486

52

1960

John F. Kennedy

Richard Nixon


34,22

34,11


49,7

49,6


303

219

1956

Dwight D. Eisenhower

Adlai Stevenson


35,58

26,03


57,4

42,0


457

73

1952

Dwight D. Eisenhower

Adlai Stevenson


34,08

27,38


55,2

44,3


442

89

1948

Harry S. Truman

Thomas E. Dewey

Strom Thurmond


24,18

21,99

1,18


49,6

45,1

2,4


303

189

39

1944

Franklin D. Roosevelt

Thomas E. Dewey


25,61

22,02


53,4

45,9


432

99



Freitag, 16. Oktober 2020

Vorschau und Prognose zur Wahl des US-Repräsentantenhauses

Das US-Repräsentantenhaus ist neben dem US-Senat eine der beiden Kammern des Kongresses in Washington. Das Repräsentantenhaus wird alle zwei Jahre vollständig neu gewählt, die Wahltermine fallen alle vier Jahre auf den Tag der Präsidentschaftswahl und sind dazwischen Teil der Midterm Elections (zuletzt 2018).

Neben dem Weißen Haus und dem US-Senat ist das Repräsentantenhaus eine der drei wichtigsten politischen Institutionen. Auch wenn Vergleiche zum deutschen Wahlsystem und Staatswesen nie so richtig passen, ist der Wahlprozess zum Repräsentantenhaus am ehesten mit der Wahl zum Deutschen Bundestag vergleichbar, allerdings nur bezogen auf die Erststimme, also das Direktmandat.

Die USA sind in 435 Congressional Districts aufgeteilt, aus denen Abgeordnete, die "Congressmen/Congresswomen" oder "Representatives" mit einfacher Mehrheit in das "House" gewählt werden. Eine Mehrheit ist bei 218 Sitzen erreicht.

Im Gegensatz zum Senat, in den jeder Bundesstaat zwei Senatorinnen oder Senatoren entsendet, orientiert sich die Verteilung der Sitze im Repräsentantenhaus an der Bevölkerungszahl der jeweiligen Bundesstaaten. So hat Kalifornien 53, Texas 36, Wyoming, Montana oder Delaware z. B. nur jeweils 1 Sitz.

2018 haben die Demokraten die bis dahin bestehende Mehrheit der Republikaner abgelöst. Da zwischenzeitlich einige Abgeordnete aus dem Repräsentantenhaus ausgeschieden sind, sind derzeit nur 429 der 435 Sitze besetzt. Auch diese werden mit der Wahl am 03.November neu besetzt.

Aktuell halten die Demokraten 232 Sitze, während die Republikaner auf 197 kommen.


Demokraten rechnen mit Verteidigung ihrer Mehrheit

Verglichen mit der US-Präsidentschaftswahl und insbesondere der zum US-Senat, ist in diesem Jahr eher wenig Spannung bei der Wahl zum Repräsentantenhaus zu erwarten. Alle bekannten und seriösen Vorhersagemodelle prognostizieren erneut eine Mehrheit für die Demokraten, wobei sich die Sitzverhältnisse nicht wesentlich verschieben dürften.

Nur für den Fall, dass sämtliche als offen eingestufte oder leicht zu den Demokraten tendierende Sitze an die Republikaner gehen würden, könnte die Partei des Präsidenten eine knappe Mehrheit erringen. Dies ist aber aktuell sehr unwahrscheinlich. Sollte sich die Stimmungslage im Land in der verbleibenden Zeit grundlegend ändern, würde ich kurz vor der Wahl nochmal auf einzelne Congressional Districts eingehen, die dann die Entscheidung bringen könnten.


Click the map to create your own at 270toWin.com

Die Karte zeigt einen durchschnittlichen Stand der Umfragen und Vorhersagen vier verschiedener Modelle (FiveThirtyEight, Sabato's Crystal Ball, The Cook Political Report und Inside Elections) und wurde von 270towin.com zusammengeführt. Die Karte wird hier regelmäßig aktualisiert.

Eine aktuellen Stand zu den Umfragen zur Wahl des US-Senats findet Ihr HIER.


Das Repräsentantenhaus ist neben dem Senat maßgeblich an der Gesetzgebung beteiligt und hat insbesondere das Budgetrecht als ein Alleinstellungsmerkmal. Nur in dieser Kammer können Finanz- und Haushaltsgesetze eingebracht werden. Erst danach gehen die Ergebnisse weiter an den Senat.

Die Arbeit im Repräsentantenhaus erfolgt in Fachausschüssen, die ähnlich wie in Deutschland thematisch aufgeteilt sind.

Sollte bei der Wahl des US-Präsidenten keiner der Kandidaten eine Mehrheit von 270 Stimmen beim Electoral College erhalten, wählt das Repräsentantenhaus den neuen Präsidenten mit einfacher Mehrheit aus den drei Kandidaten mit den meisten Wahlmännerstimmen.