Dienstag, 6. Oktober 2020

Mike Pence vs Kamala Harris - Vorschau auf das TV-Duell der Vizekandidaten

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag kommen US-Vizepräsident Mike Pence und die demokratische Vizekandidatin Kamala Harris zu ihrem ersten und einzigen TV-Duell zusammen. 90 Minuten lang werden Pence und Harris ihre politischen Vorstellungen austauschen. Die Veranstaltung in Salt Lake City, Utah wird von Susan Page vom Sender USA Today moderiert. 



Vice Presidential Debate 2020 Logo.svg
By The University of Utah - Public Domain, Link

Die Vizedebatte in der University of Utah genießt in diesem Jahr eine besonders große Aufmerksamkeit. Das hat auch ganz natürliche Gründe. Donald Trump (74) und Joe Biden (77) sind die ältesten nominierten Präsidentschaftskandidaten, die es in der Geschichte der USA gibt. Auch unter dem Eindruck eines jüngst im Krankenhaus behandelten US-Präsidenten (Anm: Trump ist heute Abend wieder zurück ins Weiße Haus geflogen worden) drängt sich die Frage auf, ob Pence und Harris in der Lage wären, im Notfall sofort in das Amt des Präsidenten bzw. der Präsidentin zu wechseln. Das ist kein pietätloser Gedanke, sondern tatsächlich eine höchst politische und verantwortungsvolle Haltung, die die Wählerinnen und Wähler von Trump und Biden bei der Wahl ihrer Vize einfordern. Mike Pence wird ein Rollenwechsel ungeachtet seiner politischen Positionen nach vier Jahren als Nr. 2 im Land zumindest übergangsweise zuzutrauen sein. Joe Biden hat eigenen Angaben nach bei der Auswahl seiner Running Mate bewusst darauf geachtet, dass die Kandidatin erfahren genug ist, von einem Moment auf den anderen zu übernehmen.


Kamala Harris im Spannungsfeld verschiedener Erwartungen


Die wohl spannendste Frage des Abends wird dann wohl auch sein, ob Kamala Harris den Zuschauern vermitteln kann, dass sie tatsächlich in der Lage wäre, das höchste Amt aufzufüllen. Zweifelsfrei ist die Senatorin aus Kalifornien eine kluge und durchsetzungsstarke Politikerin. Harris hat zudem in den Debatten der Demokraten zu den Vorwahlen gezeigt, dass sie schlagfertig und eindrucksvoll argumentieren und den Gegner unter Druck setzen kann.

Einen der bemerkenswertesten Auftritte in den Vorwahlen lieferte Harris ab, als sie Joe Biden abverlangte, sich zur indirekten Duldung von Rassismus zu erklären, ohne ihn dabei einen Rassisten zu nennen. Sie konfrontierte den ehemaligen Vizepräsidenten dabei mit früheren Haltungen. Biden musste sich rechtfertigen und wirkte in die Defensive gedrängt. Kamala Harris wird nun aber auch mit der Frage rechnen müssen, was Joe Biden inzwischen getan hat, ihre Zweifel zu zerstreuen. Alles andere als eine überzeugende Antwort, wäre ein Zeichen mangelnder Vorbereitung auf das TV-Duell.


Kamala Harris wird Mittwochnacht im wesentlichen mit zwei Erwartungshaltungen umgehen müssen. Einerseits wird sie, wie eingangs erwähnt, zeigen müssen, dass sie präsidialen Ansprüchen demokratischer und unabhängiger Wählerinnen und Wählern genügt. Anderseits wird gerade von ihr erwartet, dass sie neue und frische Akzente im Wahlkampf setzen kann. Das etwas lax formulierte plakative Bild einer erfolgreichen und engagierten schwarzen Frau im Vergleich zu den drei alten weißen Männern, muss sie für sich und die Demokraten zu nutzen wissen. Sie kann grundsätzlich andere Wählerinnen und Wähler erreichen, die eine progressivere Politik in Inhalt und Stil im Weißen Haus einfordern.

Harris ist gefordert, den richtigen Ton zu treffen. Tritt sie zu präsidial auf, könnte dies als langweilig und eintönig wahrgenommen werden und progressive Wählerinnen und Wähler demobilisieren. Je forscher und mutiger allerdings ihr Auftritt sein wird, umso unseriöser könnte die Wahrnehmung dessen sein, was die Senatorin abliefert. Harris wird einen Mittelweg finden müssen, der nicht nur die Risiken beider Varianten minimiert, sondern im Idealfall sogar die jeweils positiven Wirkungen kombiniert zur Entfaltung bringt.


Mike Pence - Loyalität und ein fester Glaube


Der 2. Mann hinter dem Präsidenten hatte es in den vergangenen Jahren nicht leicht, als unabhängiger Kopf wahrgenommen zu werden. Dafür ist Trump zumindest medial viel zu omnipräsent. Pence nahezu bedingungslose Loyalität zum Präsidenten ist einerseits im positiven Sinne bemerkenswert. Auf der anderen Seite verliert Pence Einfluss und Meinung etwas an Bedeutung, wenn ohnehin alles auf Trump ausgerichtet ist.

Der 61-jährige frühere Gouverneur von Indiana bezeichnet sich selbst zuerst als Christen, dann als Konservativen und an dritter Stelle als Republikaner. Seine dezidiert erzkonservativen Positionen in Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche, Aufklärungsunterricht an Schulen, LGBTQ-Rechten und der Stammzellenforschung sind der Markenkern seines politischen Handelns. Damit füllt er eine Lücke, die Trump offen lässt. Trumps Religiosität ist trotz eigener Bekundungen gewiss nicht so ausgeprägt, wie die eines Mike Pence. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass Joe Biden auch enge Verbindungen zu Glaube und Religion pflegt, diese aber eher als Privatsache betrachtet, wird es Pence Aufgabe sein, religiöse Wählerinnen und Wähler nicht von Trump abwandern zu lassen.


Ausschnitte aus TV-Debatte Pence vs Kaine aus 2016

Mike Pence gilt als rhetorisch exzellenter Debattierer. Auch wenn seine Rolle in der Trump-Regierung eine eher zurückhaltende ist, Kamala Harris darf den amtierenden Vizepräsidenten nicht unterschätzen. 2016 hatte Mike Pence laut Umfragen das TV-Duell gegen Clintons Running Mate, Tim Kaine, gewonnen.



Wie Pence und Harris sich taktisch aufstellen könnten


In Richtung Mike Pence könnte Kamala Harris versuchen, einen klaren Kontrast zu zeichnen. Inhaltlich liegen die Positionen ohnehin weit auseinander, neue Erkenntnisse sind hier nicht zu erwarten. Wesentlich spannender wird die Frage sein, inwieweit Harris sich ganz gezielt als eine wirkliche Alternative zu Pence präsentiert. Die Loyalität zum Präsidenten kann Pence auch als schwach und uneigenständig dastehen lassen, sollte es Harris gelingen, zu zeigen, dass sie einen eigenen Kopf hat und auch direkten Einfluss auf Joe Biden ausüben und auch politische Programme vorantreiben wird.
Harris wird Pence zudem auch alles vorhalten, was die Trump-Regierung aus ihrer Sicht versäumt hat. Da wird die Senatorin dem amtierenden Vizepräsidenten nicht aus der Verantwortung lassen und auch dessen Rolle an der Spitze der Corona-Task-Force des Weißen Hauses thematisieren.

Mike Pence wird dies gewohnt stoisch und souverän hinnehmen und seine Sicht auf die Dinge darstellen. Dabei wird er zu keinem Zeitpunkt Zweifel aufkommen lassen, dass die Trump-Regierung herausragend gearbeitet habe. Er wird sich auch nicht bewusst als die bessere Alternative zu Donald Trump präsentieren, sondern vielmehr immer wieder dessen Leistungen und Erfolge hervorheben.
Kamala Harris könnte er insofern herausfordern, indem er ihre Angriffe ruhig und unaufgeregt ins Leere laufen lässt. Die Darstellung einer übereifrigen Senatorin, die vergeblich einen souveränen und disziplinierten Vizepräsidenten aus der Fassung zu bringen versucht, könnte das Bild sein, was Mike Pence an dem Abend erzeugen will.
Es ist ohnehin nicht das Naturell eines Mike Pence, hitzige Auseinandersetzungen zu führen. Wenn man sich dadurch als die sichere, ein Stück weit auch unspektakulärere Wahl präsentieren kann, trifft dies nach dem wilden 1. TV-Duell zwischen Trump und Biden evtl. den richtigen Nerv.

Aber Mike Pence darf sich auch nicht allzu sehr auf seine solide Wirkung verlassen. Trumps Umfragewerte sind letztlich auch die mit denen Pence umgehen muss. Der Vizepräsident weiß, dass es seine Aufgabe ist, das Duo Biden/Harris anzugreifen. Ich vermute, dass sich Pence daher mehr auf Joe Biden konzentrieren wird, als auf Kamala Harris. Das ermöglicht es Pence, zu attackieren, ohne die direkte Gesprächspartnerin anzugehen. Gleichzeitig senkt Pence in solchen Augenblicken auch die Bedeutung der Senatorin, sollte er sie weitgehend links liegen lassen.
Mike Pence hat Joe Biden und Kamala Harris in der Vergangenheit gezielt als radikale Linke bezeichnet. Eine Begrifflichkeit die gewiss auch Eingang in die TV-Debatte finden wird.



Wann und wie kann ich das TV-Duell sehen?


Am Donnerstag um 03:00 Uhr deutscher Zeit beginnt das TV-Duell. Es wird auf folgenden US-Sendern übertragen: ABC, CBS, CNN, C-SPAN, FOX, NBC und PBS Utah. Zudem bieten zahlreiche weitere Medien wie die Washington Post oder New York Times auch Livestreams im Internet an. Werbeunterbrechungen wird es während des Duells nicht geben.
Auch im deutschen Fernsehen wird es wieder live übertragen. Der Sender Phoenix beginnt um 02:45 Uhr mit der Berichterstattung und wird während des Duells auch eine Simultanübersetzung anbieten. Das ZDF überträgt live ab 02:55 Uhr.

Kommentare:

Unknown hat gesagt…

Pence hat keinen Kopf haha, finde deine Analysen super😂👍

Rainbow-Warrior21 hat gesagt…

Naja - das hat er s o nicht gesagt @Unknown ;-)
Wohl aber :
"Die Loyalität zum Präsidenten kann Pence auch als schwach und uneigenständig dastehen lassen, sollte es Harris gelingen, zu zeigen, dass sie einen eigenen Kopf hat und auch direkten Einfluss auf Joe Biden ausüben und auch politische Programme vorantreiben wird."

Zum Glück ist Kamala Harris nicht Hillary Clinton.
Ich bin echt gespannt, werde mir die Debatte aber aufgezeichnet bei Phoenix ansehen, weil 2:30 früh und live ist halt schon krass :-)